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· 16 May 2011 ·

Die Ökodiktatur: Ein Gespenst geht um Deutschland

Immer wieder taucht es auf, das Gespenst der Ökodiktatur, die die wehrlosen Bürger unterjocht und zur bewussten Lebensführung zwingt: Bald gibt es keine Wurststulle mehr, das Auto ist in Zukunft elektrisch und statt des Atomkraftwerks im Nachbarkreis steht wird bald ein Windrad im Garten stehen.

Der Grün-Rote Regierung in Baden-Württemberg ist nur die Speerspitze einer ganzen Ökodiktatur, der inzwischen sogar — Gott bewahre — die Union beigetreten ist und alle Deutschen zur Wärmedämmung zwangsverpflichten will. Lediglich die FDP ist der letzte Ort des freiheitlichen Widerstandes. Das ist zumindest das Bild, das Winand von Petersdorff in seinem letzten Beitrag in der FAZ zeichnet.

Doch irgendwie verheddert sich Von Petersdorf in seinem rethorischem Rundumschlag gegen das Böse: Einerseits ist die Ökodiktatur die Diktatur der Mehrheit, die der Minderheit der “Porsche-Fahrer, der Fernreisende[n], der Fleischesser[n]” die alle öffentlich am Pranger stehen (So von Petersdorf). Andererseits klagt er aber darüber, dass der Wille der Mehrheit gegen E10-Sprit ignoriert wird.

Die Argumentation lässt sich jedoch weiter ad absurdum führen: Deutschlandweit durchziehen Autostraßen die Landschaften und Städte. Wendet man die Argumentation von von Pertersdorf an, müssen sie wohl die Autodiktatur der Mehrheit darstellen, die Minderheit der Radfahrer unterdrückend.

Wenn Windkraftwerke die Diktatur darstellen, was sind dann die Atomkraftwerke?
Die zusätzlichen Starkstromleitungen, die die Windenergie eventuell erfordern wird (wobei auch hier künstlich erhöhte Zahlen von der Stromindustrie veranschlagt wurden und eventuell Bahnleitungen genutzt werden können), mögen nicht beliebt sein. Aber was ist mit denen, die schon gebaut wurden, kann man sie der Diktatur des Atom- und Kohlestroms zuordnen? Von Petersdorf kritisiert, dass die langen Förderungen für regenerative Energien nicht mehr der parlamentarischen Kontrolle unterliegen. Doch was ist mit dem Atommüll, der noch länger strahlen und Kosten verursachen, als die Solarfördung laufen wird? Die Katze beißt sich in den Schwanz: Wenn wir jetzt die Ökodiktatur haben, dann hatten wir vorher auch eine Diktatur — nur eine andere.

Vielleicht sollte man einfach mal auf dem Teppich bleiben. Der Staat hat immer schon in Wirtschafts- und Privatfreiheiten eingegriffen. Sicherheitsgurte und vorschriftsmäßige Beleuchtung sind solche Dinge, zum Beispiel. Die Freiheit des Einzelnen, alkoholisiert im Auto den Weg nach Hause anzutreten, ist eingeschränkt, weil dies eine Gefährdung der Mitmenschen [und nicht nur seiner selbst] darstellen würde. Hier wird das Wohl der Allgemeinheit über das des Einzelnen gestellt, und doch sehe ich niemanden aufschreien: “Diktatur!”.

Von Petersdorf stellt “Konsumentensouveränität” über Wahlergebnisse, er will lieber die Auto- statt die Ökodiktatur. Wie das Windrad im Garten sind politische Mehrheiten nur dann ok, wenn sie auf der richtigen Seite sind. Damit basiert seine Argumentation auf genau dem, was sie eigentlich kritisieren soll, nämlich dass Entscheidungen ohne das Zuziehen der Bürger getroffen werden. Doch auch hier verfehlt der Autor verfehlt das eigentliche Problem: Irgendeinen trifft es immer, irgendwer ist mit den Entscheidungen immer unzufrieden, selbst wenn sie absolut demokratisch vollzogen wurden. Das ist und war schon immer ein fundamentales Problem, wenn Menschen zusammenleben, über das sich Generationen von Philosophen den Kopf zerbrochen haben.

Auffällig ist, dass von Petersdorf diese Themen anschneidet. Er spricht von zukünftigen Generationen, Welthunger, Mehrheitsentscheidungen vs. Minderheitenschutz. Aber er führt die Gedanken nicht zusammen, spricht zum Beispiel nicht aus, das seine Argumentation zukünftigen Generationen keinen Anspruch auf ausreichend Ressourcen zulässt. Das bleibt nur impliziert. Geschickt werden auch die Probleme in der praktischen Implementierung einer nachhaltigen Lebensführung als prinzipielle Probleme dargestellt. Frei nach dem Motto “Schütte das Kind mit dem Bade aus, weil man es nie richtig sauber bekommt”. Das ist argumentativ mehr als enttäuschend, und leider reicht meine Zeit und meine Nerven nicht, den Artikel auch im Detail auseinanderzunehmen.

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